125 Jahre Gettorfer TV –
Ein Verein zwischen Tradition und Moderne

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Es würde den Rahmen sprengen, an dieser Stelle 125 Jahre Gettorfer TV im Detail aufzurollen. Man würde von Sportlern erzählen, die zuerst auf Sägemehl und erst später auf Parkett turnten. Vom Bau des ersten GTV-Sportheims ab 1969 und von der Vorreiterrolle, die die Rollschuhfahrer, die man heute Speedskater nennt, in Gettorf schon immer hatten. Man zählte die Erfolge der Handballer, Faustballer und Leichtathleten auf und würde am Ende doch den einen vergessen und dem anderen nicht gerecht werden. Der Spielmannszug, er dürfte in einer Retrospektive ebenso wenig fehlen wie Marathon-Landesrekordhalter Manfred Tiedje, die Speedskating-Aushängeschilder Christian Domscheit und Simone Kohls, Taekwondo-Jugend-Weltmeister Yannik Schettler, wie das Tanzen, Floorball, Einradfahren oder Karate, aber auch der Erste und Zweite Weltkrieg, in dem Sport teilweise ganz zum Erliegen kam.

Jemanden vergessen? Vielleicht ist es einfacher zu sagen, dass die Turner Schütt, Möller, Becker, die Brüder Jöhnk und Johannsen 1889 den GTV aus der Taufe hoben und zunächst im Freien (oder bei schlechtem Wetter im Gasthof) turnten. Und dass der Gettorfer TV eben heute noch da ist – mit 50 Sportangeboten für 2.200 Mitglieder, davon fast die Hälfte Jugendliche. Jeder Gettorfer kennt den GTV, kennt das 2004 eingeweihte neue Vereinsheim in der Kirchhofsallee, kennt das Wappen, fährt seit
Jahrzehnten an der Skaterbahn an der Kieler Chaussee vorbei. Der Gettorfer Turnverein ist Tradition in der 7.000-Einwohner-Gemeinde im Dänischen Wohld im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Und Tradition – gibt niemand gerne her.

Der Sportverein als „Dienstleister“, das mag in Kiel und Hamburg längst selbstverständlich sein, auf dem Land fremdelt der eine oder andere damit. Ein vereinseigenes Fitness-Studio? Für zig Vereine schon lange ein Schritt in die Zukunft im ständigen Konkurrenzkampf mit kommerziellen Anbietern. In Gettorf? Grund für kontroverse Diskussionen. Umso bemerkenswerter sind die Bemühungen der GTV-Verantwortlichen, den Verein fit zu machen für die Zukunft – frei nach dem Vereinsmotto „Mein Verein! Mein Sport!“. Denn „ihr“ Sport, also der Sport der Vereinsmitglieder, der Gettorfer (und Bewohner des Umlandes), soll es schließlich bleiben. Tradition im Sport bedeute nicht, „Überliefertes kritiklos weiterzugeben“, wie LSV-Vizepräsident Heinz Jacobsen bei der Jubiläumsfeier in Gettorf anmerkte. Es gelte stattdessen, „Bewährtes zu erhalten und es den Erfordernissen der Gegenwart anzupassen“. Oder wie es der GTVVorsitzende Gunnar Buchheim anders sagte und damit den britischen Staatsmann und Autor Thomas Morus zitierte: „Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern die Weitergabe der Flame“.

Ortstermin im Vereinsheim: Auf dem Weg ins Geschäftszimmer vorbei am gerade erst eingeweihten neuen Fitness-Studio. Trainerin und Leiterin des „GetFit“-Gerätetrainings Eva Marten erklärt zwei Mitgliedern die Geräte, gibt Hilfestellung, korrigiert die Bewegungen. Ein Stockwerk höher tagt der Vorstand gemeinsam mit Geschäftsführer Thomas Glüsing. Erst seit drei Jahren setzt der GTV auf einen hauptamtlichen Geschäftsführer, seit einem Jahr ist Thomas Glüsing im Amt. „Wir wollten und mussten uns das leisten“, erinnert sich der Vorsitzende Gunnar Buchheim. „Wir haben dafür 2011 die Mitgliedsbeiträge um 40 Prozent erhöht – und hatten im Anschluss keine Austritte zu verzeichnen.“ Zudem bildet der GTV mittlerweile – derzeit zwei – Sportund Fitnesskaufleute aus und beschäftigt FSJler und BFDler.
Glüsing spricht von einem „Spagat“, sagt: „Wenn wir uns nicht bewegen, können wir nicht vernünftig reagieren.“ Reagieren auf die Zukunft, beispielsweise mit dem neuen Fitness-Studio, für das im Verein ein – im Vergleich zu kommerziellen Studios überschaubarer – Zusatzbeitrag erhoben wird. „Es gab interne Kritik“, erinnert sich Buchheim. Und Beisitzer Peter Machatsch ergänzt: „Ein Wirtschaftsbetrieb und ein Turnverein gehören in vielen
Köpfen eben einfach nicht zusammen.“ Klingt nach Gewöhnungsprozess. Einer, an dem kaum ein Weg vorbeiführt. Denn Thomas Glüsing stellt auch ganz klar fest: „Allein mit den normalen Sparten können wir nicht überleben, denn besonders die Mannschaftssportarten mit hohen Verbandsabgaben sind längst nicht mehr kostendeckend.“ Also investierte der GTV in die Geräte, der LSV gab einen Zuschuss von 10.000 Euro zu den Gesamtkosten in Höhe vom 85.000 Euro. Trotzdem ist es dem Ersten Vorsitzenden Buchheim wichtig, die Linie des Vereins zu betonen: „Wir organisieren jede gewünschte Sportart, solange genügend Sportler, Trainer und Hallenzeiten vorhanden sind.“ Einzig kostendeckend seien eben die meisten Sportarten – abgesehen von den Sportarten, die von Krankenkassen gefördert werden – nicht. Apropos Hallenzeiten: „Uns fehlen in Gettorf eine Dreifeld-Halle und kleinere Sporträume, um Planungssicherheit zu haben“, sagt Gunnar Buchheim.

Von der Gettorfer Sportentwicklungsplanung profitiert der GTV kaum. Die Gemeinde plant an der Isarnwohld-Schule ein Sportzentrum mit Fußballplätzen für den Gettorfer SC, Leichtathletik-Anlage und Funktionsgebäude. Investitionsvolumen: Vier Millionen Euro. Der GTV bekommt im Zuge der Baumaßnahmen eine neue Skaterbahn für 120.000 Euro. Hallensanierungen oder ein Neubau sind indes nicht geplant trotz der hohen Mitgliederzahl des GTV. Gunnar Buchheim – Vorsitzender seit 2003 – zitiert in diesem Zusammenhang eine fast schon zynische Aussage des Gettorfer Bürgermeisters Jürgen Baasch: „Dann hört doch auf, immer mehr neue Sportarten anzubieten und noch mehr Mitglieder aufzunehmen.“

Somit sind es in Wirklichkeit mehrere Spagate, die der GTV zu bewältigen hat: Tradition und Moderne, oder der Drang direkt bei den Menschen sein zu wollen und auf der anderen Seite nicht genügend Platz zu haben. „Wir sind ein Sportverein und kein Dienstleister“, sagt Thomas Glüsing. „Aber Sachzwänge drängen uns zu betriebswirtschaftlichen Methoden.“ Zugleich wurde der Vorstand durch die Einstellung eines Geschäftsführers nicht entlastet,
„weil gleichzeitig das Anspruchsdenken der Mitglieder gestiegen ist“, so Buchheim. „Aber ich denke, dass die Mitglieder mit unserer Arbeit zufrieden sind.“

Den Blick ins Moderne richten, die Tradition nicht vergessen: „Das Zwischenmenschliche ist in einem ländlichen Verein einfach sehr wichtig“, sagt Peter Machatsch. Und trotzdem gibt sich der Vorstand realistisch. Beisitzer Hans-Jürgen Doose prognostiziert, dass ein großes Stück Tradition auf der Strecke bleiben wird: „Die Menschen sind heutzutage nicht mehr 60-70 Jahre ihres Lebens Mitglied in einem Verein. Die Identifikation mit einem Verein nimmt ab, die Menschen wählen die Angebote genauer aus und treten zwischendurch auch schon mal für eine Weile aus dem Verein aus.“ Beim Ehrenamt werde besonders eine Lücke klaffen, befürchtet Glüsing. Nichtsdestotrotz, der Gettorfer TV stellt sich den Herausforderungen, kooperiert mit Politik und Landessportverband, mit Verbänden und den anderen Vereinen im Ort. „Wir sind der größte Sportverein in der Region mit den
meisten Jugendlichen, den meisten Frauen, den meisten Rentnern.“ Auch für die in Gettorf untergebrachten Flüchtlinge engagiert sich der GTV, bietet die Möglichkeit kostenloser Teilnahme und Sprachkurse in den Vereinsräumen in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule, wurde jetzt zudem mit dem Förderpreis „Kein Kind ohne Sport“ in Höhe von 2.000 Euro für Kinder-Angebote unabhängig von Handicaps und sozialer oder kultureller Herkunft ausgezeichnet. 125 Jahre nach der Vereinsgründung ist der Gettorfer TV noch da – und wird es auch bleiben. Zwischen Tradition und Moderne.

Tamo Schwarz

Der gesamte Artikel mit Bildern befindet sich im LSV-Sportforum 10/2014, S. 26f

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